Im Jahr 1909 wurde der Schrift­steller, Geograf und Anarchist Pjotr Koropotkin gefragt, ob es möglich sei, ein kompliziertes Handwerk wie das des Gärtners nur aus Büchern zu erlernen. Er bejahte diese Frage, knüpfte sie jedoch gleichzeitig an eine Bedingung. So sei es eine grund­legende Notwendigkeit, dass der Novize bereit ist, sich in das Gefüge der anderen Gärtner seiner Nachbarschaft zu integrieren.

Obwohl die Literatur dem Lernwilligen einen guten generellen Überblick verschaffen kann, fehlt ihm das Wissen zur Beschaffenheit seines Bodens. Denn ein jeder Grund ist individuell und wird durch seine Böden, die Topografie, Flora sowie Fauna, Wasser, Wind und Sonne definiert. Will der Novize seinen Garten erfolgreich bewirtschaften muss er aus dem kollektiven Quell des Wissens derer schöpfen, die das Land schon seit Jahrzehnten bestellen. Dieses lokal und kollektiv generierte Wissen bildet den Grundstein für den Ertrag. 01

In diesem metaphorischen Garten den Koroptkin, beschreibt muss auch der einstige Novize sein Wissen an den nächsten weiterreichen, um den Fortbestand des Gartens zu sichern. 02 Über die Jahrhunderte hinweg hat dieser Prozess des offenen Austausches von Wissen und Erkenntnissen die Grundfesten unserer Gesellschaft geprägt. Als Ergebnisse haben sich zum Beispiel die modernen Wissenschaften aus einem wechselseitigen Prozess von ‚These und Gegenthese‘ in einer globalen Gemeinschaft entwickelt. 03 Und auch die digitale Domäne der Internet- und Software­technologie ist ein Ergebnis von kollektiver Kreativität, die ohne die Öffnung von proprietären Systemen durch Pioniere wie Richard Stallman nicht möglich gewesen wären.

Seit den 1990er Jahren droht Koroptkins Garten jedoch immer mehr zu verdorren. In einem schleichend Prozess wurden die Felder ausgebeutet, Nahrungs­mittel privatisiert und den Gärtner der Zugang durch Patent- und Schutz­rechte versperrt. 04 Jene Entwicklungen sind vor allem durch ein strenges vertikal-­hierarchisches Wirtschaftsmodell geprägt, das den einstigen Besitzer in die Rolle des Nutzers gedrängt hat. Als Konsequenz leidet unsere Gesellschaft unter zunehmendem Verlust von Einflussnahme und der Selbst­bestimmung über das Produkt und seine Nutzung.

Die systematischen Heraus­forderungen zur Revitalisierung eben jenes Wissens, kann nicht mit den gleichen Techniken geschehen, welche die ursprünglichen Negativ­folgen verursacht haben. Open Source, Do-it-Yourself und die Fähigkeit zur Reparatur bilden den Mutterboden für einen gesellschaftlichen Wandel, der durch theoretische Vordenker wie Richard Stallman und Michel Avital und praktische Macher wie Thomas Lommèe und Christof Mühe genährt wird.

In unserer ersten Ausgabe widmen wir uns der Fort­setzung eines Dauer­streites, der mindestens genauso alt ist wie die Ideen der Open Source selbst. Also um den Streit Open versus Closed. Über insgesamt vier Runden hinweg steigen die Produkt­designer Kristof Koczka und Lennart Klein vom PIO Magazin in den metaphorischen Boxring. Gestritten wird über die Vor- und Nachteile von offener Gestaltungs­kultur, dem Nutzen von gesell­schaft­licher Arbeits­teilung und deren Bedeutung für das Design. Während Klein in Open Source Möglichkeiten zur Selbstermächtigung und nutzerzentrierter Gestaltung sieht, empfindet Kristof Koczka Closed Source als positive Kraft für Spezialisierung und einer guten Gestaltung daraus.