Das Zerlegen von Vorgefundenem stellt in der Geschichte der Menschheit eine Konstante dar, die vom Stein zur Jagd­waffe über das Cracken und Hacken von PC Software führt. Das digitale Zeitalter konfrontiert den menschlichen Drang zur Erfindungsgabe allerdings mit einem Hemmmoment: der Idee geistigen Eigentums.01

Im Narrativ der Geschichte sind Innovation und Erfinder­geist immer die Leistung einiger weniger heraus­ragender Personen. Demnach wird Thomas Alva Edison als Vater der Glüh­birne verehrt, Steve Jobs als Erfinder des Personal Computer und Robert Oppenheimer wird zum traurigen Vater der Atombombe stilisiert. Dass sich diese Persönlich­keiten für ihre Erfindungen jeweils am Quell des lizenz­freien Wissens bedienen konnten, spielt im Mythos dieser genialen Erfinder keine Rolle.02

So wäre Steve Jobs Durchbruch nicht ohne die gewonnenen Erkenntnisse seiner Mitgliedschaft im ‚Homebrew Computer Club‘ in ‚Menlow Park‘, 03 Kalifornien möglich gewesen. Auch Oppenheimer baute auf der Forschung von Albert Einstein, Niels Bohr und der Mitarbeit von 150.000 weiteren Mitwirkenden auf. Fortschritt wird in dieser Legendenbildung zum Eigentum einiger weniger, die im Rahmen ökonomisch verwertbarer Lizenzen verfügen können.04

Dieses Selbstverständnis hat starke Auswirkungen – nicht zuletzt auf den digitalen Alltag. Noch Ende der 1970er Jahre erwarben Kunden mit dem Daten­träger der Software auch den Quell­code. Dieser konnte dann nach Belieben durch den Nutzer verändert werden. 05 Ein Jahrzehnt später änderte sich dieses Modell jedoch. Fortan erwarb der Kunde nur noch die Lizenz zur Nutzung der Software. Dank binärer Ver­schlüsselung wurde dem Kunden der Zugang zum Quell­code der Software weiter versperrt.06

Eine Entwicklung, die durch Vordenker wie Richard Stallman als problematisch empfunden wurde. In dem Wissen über das Potenzials, das aus Kollektiv­anstrengung erwachsen kann, entwickelte Stallmann mit dem Free Software Movement ein alternatives Lizenzmodell, das nicht die Interessen einer Entität schützt, sondern den stetig wachsenden Wissensquell des Kollektivs wahrt. Dieser Quell öffentlich zugänglicher Software schoss sich später mit den Strömungen aus DIY- und Hacker-­Bewegungen zur Open Source zusammen.

Die zweite Ausgabe des PIO Magazins steht ganz im Zeichen der Open Source. Im ersten Gastbeitrag des Wirtschafts­professors Michel Avital werden die Haupttreiber hinter Open Source, Open Source Hardware (Open Design) und Open Innovation analysiert. Avital beschreibt hier die Haupt­merkmale von Open Design und fragt nach den Bedingungen für offene Design­strukturen. Im zweiten Beitrag Authors and Owners spürt Andrew Katz die Ursprünge und Probleme der Urheberrechts-­Gesetzgebung in der Design-Praxis auf. Ausgehend von den Errungenschaften der Open Software Bewegung zeigt er im Verlauf des Essays auf, wie das Design von dieser Bewegung profitieren kann. Dabei macht er jedoch auch klar, dass es noch immer große Unterschiede zwischen den Domänen des Digitalen und Analogen gibt. Der letzte Beitrag in dieser Ausgabe des PIO Magazins stellt mit der ‚General Public License‘, der ‚Berkeley Software Distribution‘ und der ‚Creative Commons‘ Lizenz drei der maßgeblichsten Grundpfeiler der Open Source vor.